Category: Panopticon

  • Demo in Leipzig

    Am Abend des 6. November fanden bundesweit in 40 Städten Demos gegen die geplante und — seien wir ehrlich — kaum zu verhindernde Vorratsdatenspeicherung statt. Trotz schlechten Wettters fanden sich einige Hundert Demonstranten und eine kleine Hundertschaft Polizei auf dem Augustusplatz ein um gegen die Vorratsdatenspeicherung zu demonstrieren, respektive das Recht der Demonstranten, sich zu einer friedlichen Kundgebung unter freiem Himmel zusammenzufinden, zu verteidigen.

    Beeindruckt hat mich, dass trotz schlechten Wetters fünf- oder sechshundert Demonstranten gekommen waren. Die — vermutlich fußballerprobte — Polizei war anfangs etwas nervös (klar, die einzigen die pünktlich kamen, waren Punks und ihre Hunde), So verzogen sich die Damen und Herren in grün dann auch in ihre wohlig warmen Mannschaftsbusse, lediglich eine Hand voll armer Schweine durfte dem Zug folgen und darauf aufpassen, dass nachträglich angebrachte Nieten linker Lederjacken keine Kratzer an den rechten Außenspiegeln falsch geparkter BMW (natürlich aus Leipziger Produktion) verursachten. Einziger Zwischenfall war die Abführung des gesamten “schwarzen Blockes”, der lediglich aus einer Person bestand und immerhin modisch deutlich stringenter als der Rest der Demo unterwegs war. Nunja, angesichts der Taschenkontrollen auf gefährliche Wurfwaffen (aka Bierflaschen) und der zivilgesellschaftlichen Mehrheit dürfte der zerstreute “schwarze Block” eh wenig Gefährdungspotential dargestellt haben — die Aktion einiger junger Beamter war also eher nutzlos.

    Mein Fazit: Erfreulich, mal wieder einen breiten Querschnitt der Bevölkerung auf der Straße zu sehen, der sich für Freiheitsrechte einsetzt, gegen eine Umkehr der Beweislast kämpft und sich nicht von linken wie von rechten Parolen vereinnahmen lässt.

    Fotos nach dem Link.

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  • Knast statt Urlaub

    Berlin/Instanbul, 9. Juli 2008 — Der Fall des Deutschen Andreas K., der wegen Beleidigung des Türkentums letzten Dienstag in Antalya festgenommen wurde, sorgt weiter für diplomatische Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei. K. droht der Prozess auf Grund des auch in der Türkei umstrittenen Paragraphen 301 des türkischen Strafgesetzbuches. Ihm wird eine Äußerung zum Völkermord an den Armeniern in einem Internetforum vorgeworfen, die er im Mai 2008 getätigt haben soll.

    Was war geschehen? (more…)

  • Freiwillig öffentlich?

    Golem und andere berichten über die 20% der Deutschen, die vermeintlich ihren Datenschutz freiwillig aufgeben. Besonders sauer stößt mir dabei der Vergleich mit der Volkszählung vor 25 Jahren auf. Denn der Protest gegen staatliche und privatwirtschaftliche Sammelwut und eine gezielte Freigabe einiger Informationen sind durchaus vereinbar, die freiwillige Preisgabe einzelner Daten darf nicht als Argument dazu mißbraucht werden, Datenschutz in Unternehmen laxer anzugehen oder als Staat einzufordern, dass jeder im gleichen Maße Daten preisgeben müsste.

    Ich gebe beispielsweise nur wenige private Daten preis, nutze aber Informationen über meine Arbeit, um Reputationseffekte zu generieren. Werbung in eigener Sache also, mit der durchaus vereinbar ist, wenn ein (gestraffter) Lebenslauf mit allen relevanten Informationen für die großen Suchmaschinen auffindbar ist. Leider trennt die Bitkom-Forsa-Studie nicht zwischen pseudonymisierter und offener Weitergabe privater Daten. Dass Lieschen Müller unter Pseudonym bei Flickr mit ihrem Fotoset mehr von sich preis gibt als auf ihrer alten Webseite mit den Katzenbildern, zeugt eher von einer gewissen Sensibilisierung für den Umgang mit persönlichen Daten: Lieschens Freundeskreis kennt sie und ihren Photostream, einem außenstehenden erschwert sie es jedoch, das Xing-Profil von Lieschen mit dem Photostream zu verknüpfen. Persönliche Daten lassen sich so nicht zuordnen. Sie sind öffentlich, — was dem Mitmach-Exhibitionismus 2.0 entspricht — aber dennoch privat.

    Die Sozialsphäre verändert sich dadurch. Es zählen nicht mehr nur die lokalen Freunde oder Stammtische dazu, sondern auch die Foren und Boards im Internet. Doch diese Verschiebung bedeutet weder eine Aufgabe der Privatsphäre noch die Auflösung von Sozialsphäre im öffentlichen Raum. Datensammler jedwelcher Natur müssen lernen, diesen Unterschied zu begreifen und Netzbürger sollten auf der Abgrenzung beharren. Nur so kann verhindert werden, dass die vermeintlich freiwillige Aufgabe von privaten Informationen als Argument für die rücksichtslose Sammlung und Verknüpfung von Daten mißbraucht wird.

  • GPS-Empfänger mit SMS-Funktion

    Laut Golem bietet Tchibo dieser Tage ein iKids genanntes “Kinderhandy” mit integriertem GPS-Empfänger an. Gäbe es eine Möglichkeit, die gewonnenen Daten auszulesen, würde ich in solch einem Gerät ein nettes Geek-Spielzeug sehen. Das ist allerdings nicht vorgesehen: Über einen kostenpflichtigen Dienst kann man den Aufenthalt seines Kindes Handies jederzeit verfolgen oder sich benachritigen lassen, wenn das Kind eine vordefinierte Zone verlässt. Den Nutzen bei der Kindererziehung halte ich für zweifelhaft. Ganze Generationen von Kindern sind schließlich ohne Kenntnis ihrer Eltern durch wilde Waldstücke gestreift. Und wenn die Kids spitzkriegen, dass drei Lagen Alufolie dem Spuk ein Ende bereiten, haben die Kinder ihre Privatsphäre zurück.

    Allerdings bietet die GPS-Wanze einiges an Mißbrauchspotential. Geht die Frau wirklich ins Fitnessstudio oder ist sie im Cafe zwei Straßen weiter? Muss mein Mann wirklich bis neun arbeiten oder zieht er heimlich um die Häuser. Neben dem privaten Mißbrauch würde mir Bauchweh bereiten, dass alle GPS-Daten auf den Servern der Firma i-kids liegen und dort wohl als Telekommunikations-“Verbindungsdaten” in Zukunft der Datensammelwut unserer Staatsschützer und Terroristenjäger unterliegen dürfen. Noch sind es Kinder, deren Bewegungsprofile wir generieren, aber vielleicht bietet ja schon Ihr nächstes Erwachsenenhandy “Location Based Services” dank integrierter GPS-Chips?

  • Frühsport

    Hier nun also wie versprochen das simple Script, um GPX-Dateien direkt in Polygonzüge in Google Maps zu übertragen:

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    Das Script setzt einen DIV-Container mit der ID “mapcontainer” voraus und kann aufgrund der Verwendung globaler Variablen nur einmal pro Seite eingebunden werden. Den Start des Scripts triggere ich beim Laden des Bodies mit dem kleinen Wrapper run().

    Eine Blogtaugliche Version, bei der GPX-Datei, Zoomlevel etc. in die Container geschrieben werden, werde ich demnächst mal vorstellen. Das Beispiel mit wenigen Zeilen JS sollte aber eine gute Grundlage für eigene JS-Spielereien abgeben.

    Nachtrag: So ganz scheint das mit den Overlay-Tiles mit dem Polygonzug nicht zu funktionieren. Beim Zoom wird oft Müll angezeigt. Siehe auch test04.html.

  • Die totale Überwachung — freiwillig

    Ich habe es getan: Bei Tapir dreihundert Meter weiter nördlich habe ich mir einen klein GPS-Empfänger gekauft. Einen gelben Garmin 60. Das Teil ist klobig, hat ein schlechtes Display und TomToms “Laura” fehlt auch. Aber darauf kommt es nicht an: Es lässt sich unter Linux mit gpsbabel in Sekundenschnelle auslesen und die gespeicherten Daten verursachen kaum Aufwand bei der Auswertung. Ich möchte die nächsten Monate im Selbstversuch herausfinden, wo ich mich so herumtreibe, möchte halbautomatisch ermitteln können, von wann bis wann ich mich beim Kunden aufgehalten habe, und wann ich Zeit beim Einkaufen verschwendet habe. Das waren die positiven Aspekte. Denn bereits bei der Auswertung meines ersten Datensatzes konnte man feststellen, dass ich kurz vor acht beim Citroen-Händler in Connewitz drei Minuten Schaufensterrunde gemacht habe.

    Wahrscheinlich werden GPS-Empfänger in mobilen Geräten bald ubiquitous (allgegenwärtig). Wir werden bald nicht mehr daran denken, dass wir Daten mitloggen. Und dass diese Daten beispielsweise beim Mobiltelefon mit größter Wahrscheinlichkeit nicht in unserem Einflußbereich gespeichert werden, sondern beim Provider, wo der Zugriff für Behörden weitaus leichter ist als, wenn sie auf dem heimischen PC auf einer verschlüsselten Partition liegen (zu der man im Stress einer Durchsuchung schonmal die Passphrase vergessen kann). Auch wenn es vermutlich nicht immer leicht erscheint: Ich werde in den nächsten Tagen ein paar komplette Bewegungsprofile posten. Hierfür habe ich ein paar Zeilen JavaScript geschrieben, mit denen sich GPX-Rohdaten direkt als Polygonzüge in Google Maps einfügen lassen. Mein Frühsport von heute folgt morgen früh…